: Haiti

Kleines Projekt mit großer Wirkung – Einsatzbericht aus Haiti

Ein Reisebericht von AoG-Einsatzkraft Sabrina Segebrecht

AoG-Einsatzkraft Sabrina Segebrecht

„Projektkoordination für Haiti, Unterstützung Medi-Pharma von Deutschland aus, 2-wöchige Projektreise, französische Sprachkenntnisse“ – während ich die Stellenausschreibung von AoG lese, denke ich sofort: „Das ist mein Projekt!“ – wann bekommt man schon einmal die Möglichkeit, ein Entwicklungsprojekt hier von Deutschland aus zu betreuen?! Die zwei Wochen Projektreise bekomme ich mit etwas Überzeugungsarbeit noch irgendwie in den ganz normalen Wahnsinn zwischen Beruf und Familie reingequetscht.

Inhaltlich fühle ich mich für das Projekt gut gewappnet. Die Aufgaben klingen ähnlich wie die in meiner zweijährigen Tätigkeit als Apothekerin für den Deutschen Entwicklungsdienst in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) vor 20 Jahren.

Haiti – eine Perle der Karibik

Haiti – außer, dass es zusammen mit der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola liegt, aber deutlich ärmer ist, dass die Haitianer als billige Arbeitskräfte für die Zuckerrohrfelder zum Teil illegal ins Nachbarland kommen, dass neben Französisch viel Kreol gesprochen wird und dass AoG mindestens schon zweimal im Nothilfeeinsatz dort war – weiß ich nicht allzu viel über das Land. Also mache ich mich erst einmal auf Literatursuche im Internet. Ich finde genau einen Reiseführer, der Haiti nicht nur als Annex zur DomRep aufführt. Selbst Lonley Planet versagt hier. Diesem einen Haiti-Reiseführer merkt man dafür sofort an, dass er von einem Haiti-Kenner und Fan des Landes geschrieben wurde. Ich konsumiere auch noch ein paar andere Bücher von denen ich mir etwas Einblick in Land und Leute erhoffe. Bei der Lektüre entdecke ich für mich eine wahre Perle der Karibik:

Erster und einziger erfolgreicher Sklavenaufstand, erste schwarze Republik und wunderschöne Natur. Jedoch liest man auch immer wieder über den negativen Einfluss von außen, der die Entwicklung des Landes behindert und natürlich über viele Naturkatastrophen, wie dem schweren Erdbeben 2010 als schlimmsten Einschnitt der letzten Jahre. Besonders fällt mir jedoch immer wieder auf, dass jeder Autor von den Menschen dieses Landes schwärmt: immer freundlich, viel lachend, hilfsbereit, offen und trotz aller Katastrophen und Rückschläge zuversichtlich und anpackend. Mittlerweile bin ich echt neugierig und freue mich wahnsinnig darauf, dieses Land kennenzulernen.

Reisebeginn – Neugierig und auch ein bisschen nervös

Ich gebe zu, ein bisschen nervös bin ich auch. Erdbeben und politische Unruhen gehören praktisch zum Alltag dort. Zur Bestätigung gibt es eine Woche vor unserer Abreise eine Erdbebenmeldung, aber relativ weit im Norden und nicht gefährdend für unsere Projektreise.

Ich bin von meiner Zeit in der Zentralafrikanischen Republik einiges gewöhnt, nicht nur, dass dieses Land auf dem Human Development Index der UN mindestens 20 Plätze unter Haiti liegt. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man mit einer relativ großen Organisation wie dem Deutschen Entwicklungsdienst unterwegs ist, die ein eigenes Büro vor Ort zur Betreuung hat, als wenn man allein unterwegs ist und maximal telefonisch oder per E-Mail-Unterstützung hat, sofern die überhaupt funktionieren. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass ich jetzt nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich bin, sondern drei Kinder habe, die ihre Mutter auch noch ein bisschen brauchen. Also bin ich froh, dass ich nicht ganz allein ins Unbekannte fliege, sondern Lili Schürch, eine Schweizer AoG-Kollegin, dabei ist. Für Lili ist es der vierte Haiti-Einsatz, sie weiß also wie es dort langgeht. Und sie weiß auch, wo Baudin, das Dorf in dem sich Medi-Pharma befindet, liegt, welches noch nicht einmal auf einer Karte eingezeichnet ist. Ich mache drei Kreuze, als wir uns in Paris bei der Zwischenlandung am Flughafen treffen!

 

Manase – mehr als nur unser Fahrer

Am Flughafen in Port-au-Prince (PaP) in Haiti empfängt uns Manase, unser Fahrer. Manase hat schon öfter für AoG gearbeitet und wurde mir im Vorfeld als zuverlässig beschrieben. Aber er übertrifft sämtliche Erwartungen und entpuppt sich als guter Fahrer, Assistent, Dolmetscher (Kreol), Leibwächter (fühlt sich von Ankunft bis Abflug für unser Wohlergehen verantwortlich), Bauleiter, Logistiker und guter Freund.

Port-au-Prince ist riesig, der Verkehr völlig chaotisch. SUVs knöpfen sich auf der Kreuzung den letzten Zentimeter Freiraum ab, den es noch ohne Kratzer zu bekommen gibt. Ohne orts- und sittenkundigen Fahrer wäre an Fortbewegung nicht zu denken. Trotzdem wirkt es entspannt und rücksichtsvoll. Ich bedauere, dass ich nicht zu Fuß durch die Straßen gehen kann, um die Stadt besser kennenzulernen, aber da ist Manase aus Sicherheitsgründen streng.

Alène bei der Arbeit im Gesundheitsposten

Alène – die gute Seele vom Gesundheitsposten Medi-Pharma

Am ersten Tag noch in der Hauptstadt lerne ich endlich Alène persönlich kennen. Bisher hatten wir nur per E-Mail miteinander Kontakt. Nicht ganz einfach für mich als Projektkoordinatorin, wenn man noch nie vor Ort war und das Geschehen nur aus Berichten kennt.

Alène ist Krankenschwester und hat den Gesundheitsposten Medi-Pharma in Eigeninitiative gegründet. Auf der Suche nach finanzieller Unterstützung hat sie über eine Schweizer Organisation zu Apotheker ohne Grenzen gefunden. Letztes Jahr war Lili dann in Haiti u.a. um zu schauen, ob unser Verein Medi-Pharma über ein längerfristiges Projekt hinweg unterstützen kann. AoG finanziert nun seit März einen Arzt für den Gesundheitsposten, der an zwei Tagen die Woche dort arbeitet, und unterstützt Alène finanziell und fachlich auch hinsichtlich der kleinen Apotheke, die zum Gesundheitsposten gehört.

Die erste Begegnung mit Alène ist herzlich und so bleibt es auch für die zwei Wochen und darüber hinaus. Außerdem steigt mein Respekt für Aléne, den ich eh schon aufgrund ihrer Initiative für Medi-Pharma hatte, noch deutlich an, als ich ihren Alltag „live“ erlebe.

Medi-Pharma – die Chance auf medizinische Grundversorgung

Medi-Pharma liegt in den Bergen, ca. drei Stunden mit dem Auto von Port-au-Prince in einem kleinen Ort namens Baudin, dessen Häuser sich weit in der Umgebung verstreuen. Lange Fußwege sind dort normal. Die zweite Hälfte der Strecke von der Hauptstadt nach Baudin kann man nur mit dem Allrad bewältigen oder, so wie die Menschen hier, mit dem Moto-Taxi, zwei bis drei Passagiere und ein Fahrer auf einem Motorrad. Ich weiß nicht wie Alène das jede Woche mit Gepäck und Arzneimitteleinkäufen schafft.

Durch Medi-Pharma haben jetzt viele Menschen in der Umgebung überhaupt erst einmal die Chance auf eine medizinische Grundversorgung. Finanziell kann sich Medi-Pharma aber (noch) nicht allein tragen. Da haben wir noch eine große Baustelle vor uns. Das Gebäude ist von einem schönen Garten umgeben. Als wir ankommen, warten schon Patienten im Vorraum, alles macht einen sauberen und ordentlichen Eindruck. Man spürt, hier fühlt sich jemand (Alène) verantwortlich, es ist ihm wichtig, er weiß um die Bedeutung für die Menschen hier. Unsere Aufgaben für die zwei Wochen unseres Aufenthalts werden u.a. die Überprüfung der Finanzlage und Berichterstattung, die Analyse der Patientenzahlen, Krankheitsstatistiken und Verordnungen, pharmazeutische Schulung und Beratung, Optimierung der Warenwirtschaft in der Apotheke und des Arzneimittelbestands sein.

Nebenbei läuft natürlich der ganz normale Betrieb weiter. Medi-Pharma wird täglich von Patienten aufgesucht. Manche haben nicht genug Geld, dann bezahlen sie halt weniger oder bringen es später vorbei. Keiner bleibt unversorgt. Manche Schicksale, von denen man nur ein kleines Blitzlicht mitbekommt, machen einen traurig. Es dauert wohl noch sehr lange, bis hier alle reale Chancen für ein selbstbestimmtes Leben haben werden. Wenn dies überhaupt passiert. Was mich beeindruckt, sind die vielen liebevollen Väter, die mit ihren Kindern zu Medi-Pharma kommen. Oder auch Nachbarn oder entfernte Verwandte, die sich um kranke Kinder kümmern, weil sie sehen, dass es ihnen nicht gut geht und sie Hilfe brauchen. Der positive Eindruck, den ich aus den oben erwähnten Büchern über die Menschen hier gewonnen habe, bestätigt sich absolut.

Sabrina Segebrecht mit Alène bei der Besprechung einer Bestellung

Gesundheitsposten „Medi-Pharma“

Optimierung im Gesundheitszentrum – mit einem gut eingespielten Team

Bei Medi-Pharma lerne ich auch Sameson kennen, die pharmazeutische Hilfskraft, deren Notwendigkeit uns bisher, also vom fernen Europa aus betrachtet, aufgrund des begrenzten Budgets nicht so richtig einleuchten wollte. Sameson ist eigentlich Tischler, hat aber die letzten Jahre in der Apotheke des stattlichen Gesundheitszentrums gearbeitet. Seit dieses jedoch nicht mehr von Medicines du monde unterstützt wird, ist es verweist. Sameson arbeitet immer an den beiden Tagen, an denen der Arzt, Dr. Nicolas, vor Ort ist, und kümmert sich dann um die Arzneimittelausgabe. An diesen Tagen ist Alène in Port-au-Prince bei ihrer Familie, auch sie ist Mutter von Kindern.

Sameson und ich verstehen uns auf Anhieb. Er lacht viel, also eigentlich permanent, arbeitet zuverlässig und gewissenhaft. Während unseres Aufenthalts kommt er sogar täglich zu Medi-Pharma. Er erklärt mir die Unterlagen zur Buchführung, wie er Warenein- und Ausgang dokumentiert, Kasse usw. Bereits nach dem ersten Tag sind Lili und ich überzeugt, dass Medi-Pharma ohne ihn nicht gut funktionieren würde.

In den zwei Wochen optimieren wir gemeinsam mit Alène, Sameson und Dr. Nicolas den Arzneimittelbestand und die Abläufe der Apotheke. Ich schaue mir sämtliche Unterlagen und deren Nutzung an, wir verändern einige Prozesse und führen noch einige Formulare ein, die Alène eine bessere Einschätzung des Arzneimittelbedarfs ermöglichen und ihr auch bei der Erstellung der Berichte für AoG, z.B. hinsichtlich der Krankheitsstatistiken und Diagnosen helfen, damit wir das Projekt weiter von Europa aus betreuen können. Wir diskutieren die Patientendossiers und haitianische Verordnungsgewohnheiten. Die Arbeit mit den haitianischen Kollegen macht viel Spaß. Sie sind offen für Vorschläge, greifen Ideen auf, entwickeln sie weiter und setzen vieles sofort um.

Das Team um den Gesundheitsposten Medi-Pharma

Lili Schürch kümmert sich um die Baumaßnahmen

Lili – Apothekerin mit Baumeisterinqualitäten

Auch die Zusammenarbeit mit Lili funktioniert super. Wir sind beide total unterschiedlich, ergänzen uns dadurch aber prima. Sie ist ein weiterer Mensch, für den ich im Laufe der zwei Wochen einen riesigen Respekt entwickle. Sie ist 74 (!) und nimmt trotzdem noch so eine Reise auf sich. Außerdem ist sie total engagiert, erträgt keinen Missstand und hat 1000 Ideen, was man alles in Haiti anders machen könnte, damit die Entwicklung vorangeht. Ich bin echt froh, sie auf dieser Reise als Mentorin dabei zu haben.

Während ich mich hauptsächlich um Apotheke und Arzneimittel kümmere, organisiert Lili einige bauliche Maßnahmen, die wir während unseres Aufenthalts angehen wollen. Am Ende der zwei Wochen sind wir alle sehr zufrieden und glücklich. Wir sind ein ganzes Stück zusammengewachsen. Wir haben noch einiges an Plänen, was noch verbessert und weiterentwickelt werden kann, aber das lässt sich jetzt auch gut von Europa aus regeln. Ohne die Projektreise und den persönlichen Kontakt wäre dies jedoch nicht möglich.

Unterkunft bei den Nonnen – schlicht und gastfreundlich

Unterkunft finden wir während unseres Aufenthalts bei den Nonnen, die in Baudin eine Schule betreiben. Die Unterkunft ist sehr einfach, Lili und ich teilen uns ein Zimmer mit zwei Betten. Dusche und Toilette teilen wir uns auch noch mit den drei anderen Bewohnern des Hauses. Dank Solaranlage gibt es sogar etwas Licht abends. Aber wir gehen relativ früh ins Bett. Draußen ärgern die Mücken und drinnen kann man eh nur auf dem Bett liegen. Außer Lesen und Reden gibt es nichts zu tun. Außerdem bin ich abends auch echt müde, den ganzen Tag Französisch zuhören, reden, Erklärungen verstehen, selbst Dinge erklären, wenn einem manchmal die richtigen Worte fehlen – das ist anstrengend. Ich bin froh, dass ich einige Wochen vor der Reise angefangen habe, französische Hörbücher zu hören, um wieder in die Sprache hineinzukommen. Das war definitiv hilfreich. Trotzdem überlasse ich beim Abendessen gern Lili als frankophone Schweizerin die Hauptkonversation mit den Nonnen, ich kann einfach nicht mehr.

Von den Nonnen nutzen wir täglich unser Auto um zu Medi-Pharma zu kommen. Nur zweimal gehen wir zu Fuß, als wir Manase und Alène am Wochenende nach Port-au-Prince nach Hause schicken. Für die Strecke brauchen wir zu Fuß 1,5 Stunden, aber wir genießen den Fußmarsch und die Landschaft. Haiti ist unglaublich: Berge, Berge, Berge, dazwischen einzelnen Häuser und Mini-Felder an den steilen Berghängen.

Als wir in der zweiten Woche wieder zurück nach Port-au-Prince fahren, haben wir dann auch endlich wieder Internet für Kommunikation mit Familie und Freunden. Die Tage in Baudin war man irgendwie doch in einer ganz anderen Welt.

Mein Fazit – ein kleines Projekt mit großer Wirkung für die Menschen

Ich sehe Entwicklungshilfe durchaus kritisch. Haiti, einst von NGOs überschwemmt, ist das beste Beispiel dafür, dass diese Hilfe nur so lange funktioniert, so lange die externe Unterstützung vorhanden ist. An mein altes Projekt in der ZAR will ich gar nicht denken, da hat inzwischen selbst Ärzte ohne Grenzen vorübergehend aufgegeben. Hilfe zur Selbsthilfe und Nachhaltigkeit ist ein Anspruch, der schwer umzusetzen ist, insbesondere bei sehr großen Projekten. Medi-Pharma hat den Vorteil, dass es ein sehr kleines Projekt mit wenigen Beteiligten ist. Der Erfolg hängt sehr stark vom Engagement und die Initiative der Beteiligten ab. In diesem Fall habe ich tatsächlich die Hoffnung, dass Alène es schafft, eine dauerhafte Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Baudin sicherzustellen. Auch wenn dieses Projekt vielleicht unscheinbar und nicht besonders groß und wichtig klingt, die Dankbarkeit der Menschen dort ist jetzt schon zu spüren. Alène und Medi-Pharma sind in der kurzen Zeit bereits zu einer festen Institution in der Region geworden.

Ich hoffe, dass AoG noch längere Zeit die finanziellen Mittel hat, Medi-Pharma weiter zu unterstützen. Für den fachlichen Part bin ich auf jeden Fall weiter dabei!