: Entwicklungszusammenarbeit

Kleines Projekt mit großer Wirkung – Einsatzbericht aus Haiti

Ein Reisebericht von AoG-Einsatzkraft Sabrina Segebrecht

AoG-Einsatzkraft Sabrina Segebrecht

„Projektkoordination für Haiti, Unterstützung Medi-Pharma von Deutschland aus, 2-wöchige Projektreise, französische Sprachkenntnisse“ – während ich die Stellenausschreibung von AoG lese, denke ich sofort: „Das ist mein Projekt!“ – wann bekommt man schon einmal die Möglichkeit, ein Entwicklungsprojekt hier von Deutschland aus zu betreuen?! Die zwei Wochen Projektreise bekomme ich mit etwas Überzeugungsarbeit noch irgendwie in den ganz normalen Wahnsinn zwischen Beruf und Familie reingequetscht.

Inhaltlich fühle ich mich für das Projekt gut gewappnet. Die Aufgaben klingen ähnlich wie die in meiner zweijährigen Tätigkeit als Apothekerin für den Deutschen Entwicklungsdienst in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) vor 20 Jahren.

Haiti – eine Perle der Karibik

Haiti – außer, dass es zusammen mit der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola liegt, aber deutlich ärmer ist, dass die Haitianer als billige Arbeitskräfte für die Zuckerrohrfelder zum Teil illegal ins Nachbarland kommen, dass neben Französisch viel Kreol gesprochen wird und dass AoG mindestens schon zweimal im Nothilfeeinsatz dort war – weiß ich nicht allzu viel über das Land. Also mache ich mich erst einmal auf Literatursuche im Internet. Ich finde genau einen Reiseführer, der Haiti nicht nur als Annex zur DomRep aufführt. Selbst Lonley Planet versagt hier. Diesem einen Haiti-Reiseführer merkt man dafür sofort an, dass er von einem Haiti-Kenner und Fan des Landes geschrieben wurde. Ich konsumiere auch noch ein paar andere Bücher von denen ich mir etwas Einblick in Land und Leute erhoffe. Bei der Lektüre entdecke ich für mich eine wahre Perle der Karibik:

Erster und einziger erfolgreicher Sklavenaufstand, erste schwarze Republik und wunderschöne Natur. Jedoch liest man auch immer wieder über den negativen Einfluss von außen, der die Entwicklung des Landes behindert und natürlich über viele Naturkatastrophen, wie dem schweren Erdbeben 2010 als schlimmsten Einschnitt der letzten Jahre. Besonders fällt mir jedoch immer wieder auf, dass jeder Autor von den Menschen dieses Landes schwärmt: immer freundlich, viel lachend, hilfsbereit, offen und trotz aller Katastrophen und Rückschläge zuversichtlich und anpackend. Mittlerweile bin ich echt neugierig und freue mich wahnsinnig darauf, dieses Land kennenzulernen.

Reisebeginn – Neugierig und auch ein bisschen nervös

Ich gebe zu, ein bisschen nervös bin ich auch. Erdbeben und politische Unruhen gehören praktisch zum Alltag dort. Zur Bestätigung gibt es eine Woche vor unserer Abreise eine Erdbebenmeldung, aber relativ weit im Norden und nicht gefährdend für unsere Projektreise.

Ich bin von meiner Zeit in der Zentralafrikanischen Republik einiges gewöhnt, nicht nur, dass dieses Land auf dem Human Development Index der UN mindestens 20 Plätze unter Haiti liegt. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man mit einer relativ großen Organisation wie dem Deutschen Entwicklungsdienst unterwegs ist, die ein eigenes Büro vor Ort zur Betreuung hat, als wenn man allein unterwegs ist und maximal telefonisch oder per E-Mail-Unterstützung hat, sofern die überhaupt funktionieren. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass ich jetzt nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich bin, sondern drei Kinder habe, die ihre Mutter auch noch ein bisschen brauchen. Also bin ich froh, dass ich nicht ganz allein ins Unbekannte fliege, sondern Lili Schürch, eine Schweizer AoG-Kollegin, dabei ist. Für Lili ist es der vierte Haiti-Einsatz, sie weiß also wie es dort langgeht. Und sie weiß auch, wo Baudin, das Dorf in dem sich Medi-Pharma befindet, liegt, welches noch nicht einmal auf einer Karte eingezeichnet ist. Ich mache drei Kreuze, als wir uns in Paris bei der Zwischenlandung am Flughafen treffen!

 

Manase – mehr als nur unser Fahrer

Am Flughafen in Port-au-Prince (PaP) in Haiti empfängt uns Manase, unser Fahrer. Manase hat schon öfter für AoG gearbeitet und wurde mir im Vorfeld als zuverlässig beschrieben. Aber er übertrifft sämtliche Erwartungen und entpuppt sich als guter Fahrer, Assistent, Dolmetscher (Kreol), Leibwächter (fühlt sich von Ankunft bis Abflug für unser Wohlergehen verantwortlich), Bauleiter, Logistiker und guter Freund.

Port-au-Prince ist riesig, der Verkehr völlig chaotisch. SUVs knöpfen sich auf der Kreuzung den letzten Zentimeter Freiraum ab, den es noch ohne Kratzer zu bekommen gibt. Ohne orts- und sittenkundigen Fahrer wäre an Fortbewegung nicht zu denken. Trotzdem wirkt es entspannt und rücksichtsvoll. Ich bedauere, dass ich nicht zu Fuß durch die Straßen gehen kann, um die Stadt besser kennenzulernen, aber da ist Manase aus Sicherheitsgründen streng.

Alène bei der Arbeit im Gesundheitsposten

Alène – die gute Seele vom Gesundheitsposten Medi-Pharma

Am ersten Tag noch in der Hauptstadt lerne ich endlich Alène persönlich kennen. Bisher hatten wir nur per E-Mail miteinander Kontakt. Nicht ganz einfach für mich als Projektkoordinatorin, wenn man noch nie vor Ort war und das Geschehen nur aus Berichten kennt.

Alène ist Krankenschwester und hat den Gesundheitsposten Medi-Pharma in Eigeninitiative gegründet. Auf der Suche nach finanzieller Unterstützung hat sie über eine Schweizer Organisation zu Apotheker ohne Grenzen gefunden. Letztes Jahr war Lili dann in Haiti u.a. um zu schauen, ob unser Verein Medi-Pharma über ein längerfristiges Projekt hinweg unterstützen kann. AoG finanziert nun seit März einen Arzt für den Gesundheitsposten, der an zwei Tagen die Woche dort arbeitet, und unterstützt Alène finanziell und fachlich auch hinsichtlich der kleinen Apotheke, die zum Gesundheitsposten gehört.

Die erste Begegnung mit Alène ist herzlich und so bleibt es auch für die zwei Wochen und darüber hinaus. Außerdem steigt mein Respekt für Aléne, den ich eh schon aufgrund ihrer Initiative für Medi-Pharma hatte, noch deutlich an, als ich ihren Alltag „live“ erlebe.

Medi-Pharma – die Chance auf medizinische Grundversorgung

Medi-Pharma liegt in den Bergen, ca. drei Stunden mit dem Auto von Port-au-Prince in einem kleinen Ort namens Baudin, dessen Häuser sich weit in der Umgebung verstreuen. Lange Fußwege sind dort normal. Die zweite Hälfte der Strecke von der Hauptstadt nach Baudin kann man nur mit dem Allrad bewältigen oder, so wie die Menschen hier, mit dem Moto-Taxi, zwei bis drei Passagiere und ein Fahrer auf einem Motorrad. Ich weiß nicht wie Alène das jede Woche mit Gepäck und Arzneimitteleinkäufen schafft.

Durch Medi-Pharma haben jetzt viele Menschen in der Umgebung überhaupt erst einmal die Chance auf eine medizinische Grundversorgung. Finanziell kann sich Medi-Pharma aber (noch) nicht allein tragen. Da haben wir noch eine große Baustelle vor uns. Das Gebäude ist von einem schönen Garten umgeben. Als wir ankommen, warten schon Patienten im Vorraum, alles macht einen sauberen und ordentlichen Eindruck. Man spürt, hier fühlt sich jemand (Alène) verantwortlich, es ist ihm wichtig, er weiß um die Bedeutung für die Menschen hier. Unsere Aufgaben für die zwei Wochen unseres Aufenthalts werden u.a. die Überprüfung der Finanzlage und Berichterstattung, die Analyse der Patientenzahlen, Krankheitsstatistiken und Verordnungen, pharmazeutische Schulung und Beratung, Optimierung der Warenwirtschaft in der Apotheke und des Arzneimittelbestands sein.

Nebenbei läuft natürlich der ganz normale Betrieb weiter. Medi-Pharma wird täglich von Patienten aufgesucht. Manche haben nicht genug Geld, dann bezahlen sie halt weniger oder bringen es später vorbei. Keiner bleibt unversorgt. Manche Schicksale, von denen man nur ein kleines Blitzlicht mitbekommt, machen einen traurig. Es dauert wohl noch sehr lange, bis hier alle reale Chancen für ein selbstbestimmtes Leben haben werden. Wenn dies überhaupt passiert. Was mich beeindruckt, sind die vielen liebevollen Väter, die mit ihren Kindern zu Medi-Pharma kommen. Oder auch Nachbarn oder entfernte Verwandte, die sich um kranke Kinder kümmern, weil sie sehen, dass es ihnen nicht gut geht und sie Hilfe brauchen. Der positive Eindruck, den ich aus den oben erwähnten Büchern über die Menschen hier gewonnen habe, bestätigt sich absolut.

Sabrina Segebrecht mit Alène bei der Besprechung einer Bestellung

Gesundheitsposten „Medi-Pharma“

Optimierung im Gesundheitszentrum – mit einem gut eingespielten Team

Bei Medi-Pharma lerne ich auch Sameson kennen, die pharmazeutische Hilfskraft, deren Notwendigkeit uns bisher, also vom fernen Europa aus betrachtet, aufgrund des begrenzten Budgets nicht so richtig einleuchten wollte. Sameson ist eigentlich Tischler, hat aber die letzten Jahre in der Apotheke des stattlichen Gesundheitszentrums gearbeitet. Seit dieses jedoch nicht mehr von Medicines du monde unterstützt wird, ist es verweist. Sameson arbeitet immer an den beiden Tagen, an denen der Arzt, Dr. Nicolas, vor Ort ist, und kümmert sich dann um die Arzneimittelausgabe. An diesen Tagen ist Alène in Port-au-Prince bei ihrer Familie, auch sie ist Mutter von Kindern.

Sameson und ich verstehen uns auf Anhieb. Er lacht viel, also eigentlich permanent, arbeitet zuverlässig und gewissenhaft. Während unseres Aufenthalts kommt er sogar täglich zu Medi-Pharma. Er erklärt mir die Unterlagen zur Buchführung, wie er Warenein- und Ausgang dokumentiert, Kasse usw. Bereits nach dem ersten Tag sind Lili und ich überzeugt, dass Medi-Pharma ohne ihn nicht gut funktionieren würde.

In den zwei Wochen optimieren wir gemeinsam mit Alène, Sameson und Dr. Nicolas den Arzneimittelbestand und die Abläufe der Apotheke. Ich schaue mir sämtliche Unterlagen und deren Nutzung an, wir verändern einige Prozesse und führen noch einige Formulare ein, die Alène eine bessere Einschätzung des Arzneimittelbedarfs ermöglichen und ihr auch bei der Erstellung der Berichte für AoG, z.B. hinsichtlich der Krankheitsstatistiken und Diagnosen helfen, damit wir das Projekt weiter von Europa aus betreuen können. Wir diskutieren die Patientendossiers und haitianische Verordnungsgewohnheiten. Die Arbeit mit den haitianischen Kollegen macht viel Spaß. Sie sind offen für Vorschläge, greifen Ideen auf, entwickeln sie weiter und setzen vieles sofort um.

Das Team um den Gesundheitsposten Medi-Pharma

Lili Schürch kümmert sich um die Baumaßnahmen

Lili – Apothekerin mit Baumeisterinqualitäten

Auch die Zusammenarbeit mit Lili funktioniert super. Wir sind beide total unterschiedlich, ergänzen uns dadurch aber prima. Sie ist ein weiterer Mensch, für den ich im Laufe der zwei Wochen einen riesigen Respekt entwickle. Sie ist 74 (!) und nimmt trotzdem noch so eine Reise auf sich. Außerdem ist sie total engagiert, erträgt keinen Missstand und hat 1000 Ideen, was man alles in Haiti anders machen könnte, damit die Entwicklung vorangeht. Ich bin echt froh, sie auf dieser Reise als Mentorin dabei zu haben.

Während ich mich hauptsächlich um Apotheke und Arzneimittel kümmere, organisiert Lili einige bauliche Maßnahmen, die wir während unseres Aufenthalts angehen wollen. Am Ende der zwei Wochen sind wir alle sehr zufrieden und glücklich. Wir sind ein ganzes Stück zusammengewachsen. Wir haben noch einiges an Plänen, was noch verbessert und weiterentwickelt werden kann, aber das lässt sich jetzt auch gut von Europa aus regeln. Ohne die Projektreise und den persönlichen Kontakt wäre dies jedoch nicht möglich.

Unterkunft bei den Nonnen – schlicht und gastfreundlich

Unterkunft finden wir während unseres Aufenthalts bei den Nonnen, die in Baudin eine Schule betreiben. Die Unterkunft ist sehr einfach, Lili und ich teilen uns ein Zimmer mit zwei Betten. Dusche und Toilette teilen wir uns auch noch mit den drei anderen Bewohnern des Hauses. Dank Solaranlage gibt es sogar etwas Licht abends. Aber wir gehen relativ früh ins Bett. Draußen ärgern die Mücken und drinnen kann man eh nur auf dem Bett liegen. Außer Lesen und Reden gibt es nichts zu tun. Außerdem bin ich abends auch echt müde, den ganzen Tag Französisch zuhören, reden, Erklärungen verstehen, selbst Dinge erklären, wenn einem manchmal die richtigen Worte fehlen – das ist anstrengend. Ich bin froh, dass ich einige Wochen vor der Reise angefangen habe, französische Hörbücher zu hören, um wieder in die Sprache hineinzukommen. Das war definitiv hilfreich. Trotzdem überlasse ich beim Abendessen gern Lili als frankophone Schweizerin die Hauptkonversation mit den Nonnen, ich kann einfach nicht mehr.

Von den Nonnen nutzen wir täglich unser Auto um zu Medi-Pharma zu kommen. Nur zweimal gehen wir zu Fuß, als wir Manase und Alène am Wochenende nach Port-au-Prince nach Hause schicken. Für die Strecke brauchen wir zu Fuß 1,5 Stunden, aber wir genießen den Fußmarsch und die Landschaft. Haiti ist unglaublich: Berge, Berge, Berge, dazwischen einzelnen Häuser und Mini-Felder an den steilen Berghängen.

Als wir in der zweiten Woche wieder zurück nach Port-au-Prince fahren, haben wir dann auch endlich wieder Internet für Kommunikation mit Familie und Freunden. Die Tage in Baudin war man irgendwie doch in einer ganz anderen Welt.

Mein Fazit – ein kleines Projekt mit großer Wirkung für die Menschen

Ich sehe Entwicklungshilfe durchaus kritisch. Haiti, einst von NGOs überschwemmt, ist das beste Beispiel dafür, dass diese Hilfe nur so lange funktioniert, so lange die externe Unterstützung vorhanden ist. An mein altes Projekt in der ZAR will ich gar nicht denken, da hat inzwischen selbst Ärzte ohne Grenzen vorübergehend aufgegeben. Hilfe zur Selbsthilfe und Nachhaltigkeit ist ein Anspruch, der schwer umzusetzen ist, insbesondere bei sehr großen Projekten. Medi-Pharma hat den Vorteil, dass es ein sehr kleines Projekt mit wenigen Beteiligten ist. Der Erfolg hängt sehr stark vom Engagement und die Initiative der Beteiligten ab. In diesem Fall habe ich tatsächlich die Hoffnung, dass Alène es schafft, eine dauerhafte Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Baudin sicherzustellen. Auch wenn dieses Projekt vielleicht unscheinbar und nicht besonders groß und wichtig klingt, die Dankbarkeit der Menschen dort ist jetzt schon zu spüren. Alène und Medi-Pharma sind in der kurzen Zeit bereits zu einer festen Institution in der Region geworden.

Ich hoffe, dass AoG noch längere Zeit die finanziellen Mittel hat, Medi-Pharma weiter zu unterstützen. Für den fachlichen Part bin ich auf jeden Fall weiter dabei!

Apotheker ohne Grenzen mit 100.000€-Preis ausgezeichnet

Unser Kampf gegen nicht-ansteckende Krankheiten in Argentinien

Bereits seit 10 Jahren kämpfen wir im Slum von Buenos Aires gegen nicht-übertragbare Krankheiten – u.a. gegen Übergewicht und Diabetes. Diese vermeintlichen Zivilisationskrankheiten werden in der Entwicklungszusammenarbeit oft vernachlässigt. Dabei gelten sie jedoch seit 2015 als weltweit häufigste Todesursache. Jährlich sterben bis zu 30 Millionen Menschen in Entwicklungsländern an solchen Krankheiten.

Gerade deshalb sind wir unglaublich stolz auf die Koordinatorin für unser Projekt in Argentinien, Dr. Carina Vetye, die vergangenen Donnerstag mit dem Else-Kröner-Fresenius-Preis für medizinische Entwicklungszusammenarbeit ausgezeichnet wurde. Der Preis ist mit 100.000€ dotiert und wurde von Entwicklungsminister Gerd Müller und dem Vorstandsvorsitzenden der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, Dr. Schenk übergeben.

Dr. Carina Vetye, AoG-Projektkoordinatorin in Argentinien und Pharmazeutin, bedankt sich für den Preis der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.

© Janine Schmitz | photothek.net

v.l.n.r.: Gerd Müller (Bundesentwicklungsminister), Dr. Carina Vetye und Dr. Dieter Schenk (VorstandsvorsitzenderEKFS)

© Janine Schmitz | photothek.net

Das Preisgeld werden wir in die weitere Versorgung kranker und hilfsbedürftiger Menschen im Armenviertel investieren und damit die Bedrohung durch nicht-übertragbare Krankheiten weiter eindämmen. Denn nach wie vor lassen „die Folgen der nicht-übertragbaren Krankheiten wie Schlaganfall und Amputation die Familien noch tiefer ins Elend sinken. Besonders grausam dabei ist, dass die benötigten Medikamente mittlerweile sehr preiswert sind, die Armen aber trotzdem nicht das Geld dafür haben“ (Dr. Carina Vetye).

Mit der täglichen und harten Arbeit von Dr. Vetye und ihren sechs ehrenamtlichen MitarbeiterInnen werden bis zu 30.000 Menschen versorgt, von denen geschätzt mindestens 10% an Diabetes leiden. Die informierte Beratung als auch die zuverlässige Versorgung mit Basis-Arzneimitteln sorgen dafür, dass auch wirklich die Gesundheit aller Menschen vor Ort gesichert werden kann, auch derjenigen, die aufgrund fehlender formeller Arbeit keine Krankenversicherung besitzen. So durchbrechen wir den Teufelskreis aus Armut und Krankheit. Nicht nur im Nachhinein, sondern auch durch diverse Präventionsprogramme, u. a. im Rahmen von Workshops über gesundes und günstiges Essen.

Die Menschen in Argentinien sind durch die häufigen Wirtschaftskrisen ohnehin schwer belastet. Das Preisgeld hilft, auch weiterhin für sie da sein zu können. Mein Herz geht auf, wenn ich sehe, dass Eltern wieder genesen und für ihre Kinder selbst sorgen können. (Preisträgerin Dr. Carina Vetye)

Dr Carina Vetye im Gespräch mit ihren Mitarbeiterinnen in der Slum-Apotheke von Buenos Aires

Dr. Carina Vetye besucht eine Familie im Slum


Verlinkung zu weiteren Informationen finden Sie hier.

Auch die argentinische Botschaft würdigt unsere Arbeit (spanisch).

Ein informativer und spannender Beitrag des BR über unser Projekt in Argentinien.

Sierra Leone

Ein Reisebericht von AoG-Einsatzkraft Hartmut Valdiek

Viele Fragen vor meinem ersten AoG-Einsatz

Ich weiß in etwa wo Sierra Leone liegt und dass dort über längere Zeit ein brutaler Bürgerkrieg wütete und danach dann eine Ebola-Epidemie in 2014 folgte. Nachdem ich mich Ende Februar 2018 für einen Einsatz bei Apotheker ohne Grenzen beworben habe und dann tatsächlich die Zusage für einen zehnwöchigen Einsatz kam, überschlagen sich für mich die Ereignisse.

Unendlich viele Fragen tauchen vor mir auf und sollten vor meiner geplanten Abreise geklärt sein:

Wie bekomme ich das Visum?

Wie ist das Klima in Sierra Leone?

Welche Sachen braucht man dort?

Welche Impfungen muss ich haben?

Wie kann ich dort kommunizieren? Reicht mein Schulenglisch?

Wieviel Geld muss ich mitnehmen für den doch langen Zeitraum? Oder reicht auch dort eine Geldkarte?

Gibt es Einkaufsmöglichkeiten vor Ort?

– und nicht zuletzt: Was muss in meiner eigenen Apotheke organisiert und vorbereitet sein für eine so lange Abwesenheit?

Anreise zum Einsatzort

Abflug von Berlin über Brüssel nach Freetown. Eine Übernachtung am Rande der Hauptstadt und eine abenteuerliche Autofahrt bringen mich dann endlich zu meinem Einsatzort Serabu, im Südosten des Landes, mitten im Busch und offensichtlich weitab jeglicher Zivilisation. Die letzten 60 km geht es über einen immer schmaler und schlechter werdenden Buschweg mit metertiefen Löchern bis zur Klinik in Serabu. Der Ort hat ca. 3000 Einwohner. Ein Ortszentrum in unserem Sinne scheint es nicht zu geben. Ein paar Verkaufsbuden und Marktstände markieren die Ortsmitte.

Das Krankenhaus in Serabu

Meine zukünftige Wirkungsstätte, das Krankenhaus in Serabu mit der integrierten Apotheke, macht eine sehr angenehmen und auf den ersten Blick, europäischen Eindruck. Es hat ca. 200 Betten und ein Einzugsgebiet bis zu 50 km im Umkreis (ca. 50.000 Einwohner). Diverse Stationen (Frauen, Männer, Kinder, Mütter/Entbindung sowie Mangelernährung) werden von etwa zehn CHOs (Clinical Health Officer) und drei bis sechs regelmäßig wechselnden Ärzten von den German Doctors betreut. Eine Langzeitärztin sorgt zusammen mit dem einheimischen Manager für einen funktionierenden Klinikbetrieb. Organisation und Improvisation ist gefragt und mein ständiger Begleiter in den kommenden zehn Wochen.

Die Apotheke

Am meisten gespannt war ich natürlich auf die Apotheke und die Mitarbeiter. Christiane Wagner, Apothekerin von German Doctors, ist die ersten Tage mit vor Ort und zeigt mir die Pharmacy und stellt mich den drei Mitarbeitern vor. Versorgt werden zum einen ambulante Patienten, die im OPD (Out Patient Department) behandelt werden, und zum anderen erfolgt natürlich die Versorgung der Stationen des Krankenhauses. Also das, was eine klinikversorgende Apotheke in Deutschland auch macht. Das Warenlager ist im Verhältnis zu einer europäischen Apotheke ziemlich übersichtlich, die wichtigsten Indikationen sind abgedeckt.

Meine Hauptaufgabe soll die Etablierung eines neuen Warenwirtschafts- und Bestellsystems auf der Basis eines neuen Computerprogramms sein. Darin sollen die Mitarbeiter der Apotheke in praxisnahen „on-the-job trainings“ geschult werden, um eine kontinuierliche Arzneimittelversorgung zu gewährleisten. Einmal im Monat wird bei drei Apotheken in Bo, der nächst größeren Stadt, bestellt. Ein funktionierender Großhandel existiert dort nicht. Die Übermittlung der Bestellungen erfolgt per Mail bzw. auch per Boten. Nach einigen Tagen wird die Bestellung dann meist mit einem Unimog von den Lieferanten abgeholt.

Das Land

Mein Kenntnisstand über Sierra Leone war vor der Reise noch sehr gering. Das ist jetzt natürlich anders: Sierra Leone gilt mit seinen knapp sechs Millionen Menschen als einer der ärmsten Staaten der Welt. Das Durchschnittseinkommen liegt derzeit bei ca. 1 US-Dollar pro Tag, die Lebenserwartung in der Bevölkerung ist unter 50 Jahren und es gibt eine hohe Kinder- und Müttersterblichkeit. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1961 gab es etliche, vielversprechende Aufbrüche, die dem Land eine gute Zukunft versprachen. Leider folgten denen genauso viele Rückschläge in Form von verheerenden Bürgerkriegen und einer ausufernden Korruption.

Die Wahl im Frühjahr 2018 hat dem Land einen neuen Präsidenten gebracht. Man hat den Eindruck die gesamte Bevölkerung setzt alle Hoffnung für die Zukunft des Landes in ihn. Es wird Zeit, dass ein eigentlich reiches Land an Natur und Rohstoffen endlich den Anschluss an die internationale Entwicklung findet.

Die Menschen

Ein fremdes Land bereist man meist erst einmal mit einer „gewissen Skepsis“ und ist vorsichtig im Umgang mit Land und Leuten. In Sierra Leone wird man aber so offen und freundlich empfangen, dass es einem nicht schwerfällt auf die Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und auch Freunde zu finden. Sei es auf der Straße, beim Einkauf auf dem Markt oder bei der Arbeit, überall werden die Pumuis (die Weißen) freundlich begrüßt, auch wenn es wegen der Sprache mit der Verständigung nicht immer einfach war. Mit nicht einmal zehn Europäern im ganzen Ort ist man auf einmal der Exot und wird als solcher überaus freundlich behandelt, ist gern gesehen und man merkt, die Leute sind auch sehr dankbar für unsere Arbeit dort.

Mein Fazit

Dieser erste Hilfseinsatz für Apotheker ohne Grenzen war schon eine große Herausforderung für mich. Ich hoffe meine Arbeit dort hilft als ein ganz kleines Rädchen mit dabei den Aufbruch des Landes im Jahr 2018 endlich zum Erfolg zu bringen. Das Land und die freundlichen und fleißigen Menschen dort haben es sich hart verdient.