: Burundi

Neue Perspektiven für PTA–Schüler in Burundi

Apotheker ohne Grenzen unterstützt vor Ort ein Pilotprojekt

Im November 2018 reisten die AoG-Einsatzkraft Monika Zimmer und AoG-Projektkoordinatorin Stefanie Pügge nach Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi. Dort besuchten sie die Ecole Polyvalente Carolinus Magnus (EPCM), die einzige Schule in Burundi, welche eine Ausbildung zur PTA anbietet. Die lokale Organisation Fondation Stamm und der deutsche Verein burundikids e.V. betreiben bzw. unterstützen die Schule mit dem Ziel, jungen Menschen in Burundi eine bessere Chance auf eine lebenswerte Zukunft zu bieten.

Apotheker ohne Grenzen wird die Schule inhaltlich und finanziell unterstützen, durch Beratung und Hilfe bei der Ausstattung, Geräten, Labor- und Unterrichtsmaterialien. Zusätzlich übernimmt AoG in den nächsten drei Jahren Patenschaften für drei PTA-Schülerinnen und zwei PTA-Schüler, die sich das Schulgeld von 300€ im Jahr nicht leisten können. 

Monika Zimmer, Apothekerin und Lehrerin an einer PKA-Schule in Mannheim, war beindruckt vom Schulbetrieb in Burundi und berichtet über ihren ersten Einsatz.

Projektkoordinatorin Stefanie Pügge und AoG-Einsatzkraft Monika Zimmer mit dem Schulleiter der PTA-Schule, Floribert Dundaguza, und den AoG Stipendiaten. ©Burundikids e.V.

 

Ishule in Burundi

Ich wusste vieles nicht, als ich mich spontan auf eine für mich maßgeschneiderte Ausschreibung von Apotheker ohne Grenzen bewarb. Gesucht: französischsprachige Apothekerin mit Unterrichts- und Afrikaerfahrung zur Unterstützung der PTA-Ausbildung an einer Schule in Burundi. Perfekt – Ich fühlte mich sofort angesprochen. Seit Jahrzehnten arbeite ich als Apothekerin in einer öffentlichen Apotheke, seit vierzehn Jahren unterrichte ich nebenberuflich PKA-Auszubildende, bin privat viel auf eigene Faust gereist – auch nach Afrika- und als Saarländerin natürlich ins Französische reingewachsen. Schon immer war ich daran interessiert, noch weitere, außergewöhnlichere Facetten meines Berufes zu erfahren, daher las sich diese Ausschreibung für mich wie die Synthese meines Lebens.

Ich wusste nur sehr ungefähr, wo Burundi überhaupt liegt und noch weniger über die Lebensbedingungen und die Geschichte. War da nicht einmal etwas Schreckliches mit Tutsi und Hutu?

Apotheker ohne Grenzen hatte eine sehr herzliche Einladung der Fondation Stamm erhalten. Die Gründerin, Verena Stamm, lebt mit ihrem burundischen Mann Benoît seit 1972 in Burundi, sie hat die guten und die schlechten Zeiten miterlebt. Die „glückliche Zeit“ bis 1993, den Bürgerkrieg und die Krisen danach. Nach dem Bürgerkrieg gründete sie aus eigenen Mitteln ein Waisenhaus für die Kriegswaisen. Später folgte eine Krankenstation, ein Heim für ledige Mütter und mehrere Schulen, die über einen stetig wachsenden ehrenamtlichen Unterstützerkreis finanziert werden.

Bei meinen Reisevorbereitungen stellte sich heraus, dass das Auswärtige Amt wegen der Sicherheitslage dringend von Reisen nach Burundi abrät! Auf Nachfrage bei der Stiftung vor Ort erfuhren wir mehr: bei Beachtung einiger Sicherheitsmaßnahmen sei unsere Sicherheit durchaus gewährleistet. Im Einzelnen hieß das: keine Nachtfahrten, bei Dunkelheit nur mit bekannten Fahrern unterwegs sein, bis spätestens 22 Uhr im Hotel sein und den Ausweis immer mitführen. Nach intensivem Abwägen entschieden wir uns für die Reise.

Meine Kollegin Stefanie Pügge und ich machten uns auf den beschwerlichen Weg nach Bujumbura, der Hautstadt Burundis. Von Mannheim nach Frankfurt mit dem Zug, ein schlafloser Übernachtflug nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, vier müde Stunden Aufenthalt. Dann der Weiterflug nach Bujumbura, kurze Taxifahrt zum Hotel, Gesamtdauer: 18 Stunden.

Das Land – Burundi

Den schönsten Anblick hatten wir gleich zu Anfang. Direkt vor uns lag der Tanganjikasee, der so gar nicht wie ein See aussah, sondern eine Brandung hatte wie der Atlantik. Ich war so beindruckt von der Weite, dass ich erst nach Tagen nicht mehr vom „Meer“ gesprochen habe. Der See ist fast 700 km lang, rechts und links von Bergen eingrenzt und bescherte uns einen steten kühlen Wind. Eine wunderbare Erfrischung bei Temperaturen von knapp 30 Grad. Diesen schönen Anblick hatten wir dann täglich, unser Zimmer war direkt am See.

Burundi ist ein von der Weltöffentlichkeit vergessenes Land, auf dem Welthungerindex seit Jahren auf dem ersten Platz. Ein sehr kleines Land, nach einem über 10-jährigen Bürgerkrieg (Tutsi gegen Hutu) wirtschaftlich völlig am Boden. Die Infrastruktur ist zerstört, auch die Hoffnung der meisten Menschen. 59 Prozent der Burunder leben unter der Armutsgrenze. Seit der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten gegen einen Wahlbetrug 2015 hat sich die Lage noch einmal verschlimmert. Anders als das Nachbarland Ruanda erhält Burundi derzeit kaum internationale Hilfe, obwohl es nach einem ähnlichen Schicksal unter denselben Problemen leidet: Hunger, Flucht und Vertreibung (Flüchtlinge, Kindersoldaten und Kriegswaisen) und armutsbedingte Krankheiten wie z.B. Tuberkulose sowie in zunehmendem Maße HIV/AIDS.

Die Schule

Ein Herzstück der Arbeit der Fondation Stamm, der eigentliche Anlass für unsere Reise, ist die Ecole polyvalente Carolus Magnus (EPCM), eine Schule in Bujumbura.

Diese Schule liegt nur einen Fußmarsch entfernt zu unserem Hotel, so nah am See, dass sich vor Jahren ein Nilpferd in den Schulhof verlaufen konnte!

Die Ecole polyvalente Carolus Magnus (EPCM) bietet den einzigen Ausbildungsgang zur PTA in Burundi an. Die Laborausstattung kam mit deutscher Hilfe zu Stande, das ursprüngliche Curriculum war das baden-württembergische, das an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wurde.

Ishule ist das kirundi-Wort für Schule, ein deutsches Lehnwort. Das erfuhren wir gleich bei unserem ersten Besuch an der Schule. (Burundi war Teil des Kolonialgebietes Deutsch-Ostafrika, das Schulsystem wurde von der deutschen Verwaltung eingeführt.)

Unser Empfang in der Schule war sehr herzlich, aus allen Ecken kamen größere und kleinere Kinder, um den „Mzungu“ (Weiße) lachend die Hand zu schütteln. Für mich als Lehrerin war es eine spannende Erfahrung, in der letzten Bank dem Unterricht zu folgen.

Als erstes fiel mir auf, dass die Schüler alle gleich aussahen – für unsere ungeübten europäischen Augen zumindest. Beim näheren Hinschauen merkten wir dann, dass 2/3 Mädchen waren. Des Rätsels Lösung: alle Mädchen und Jungen müssen 14-tägig zum Friseur und haben alle die gleich kurze Frisur. Die Mädchen dürfen sich nicht schminken und keinen Schmuck tragen. Alle tragen Schuluniform, per Gesetz. So sollen sie sich nur auf das Lernen konzentrieren.

Klassenfoto in der PTA-Schule in Burundi. ©AoG

Und wie sie sich auf das Lernen konzentrieren! Eine derartige gebannte Aufmerksamkeit und Konzentration habe ich nie erlebt. Kein Wort untereinander, keine Unruhe, klagloses, eifriges Mitschreiben von Seiten um Seiten. Einzig im Fach „Berufsethik“ rutschen einige auf ihren Stühlen hin- und her – ich am meisten, der Lehrer war doch etwas ausschweifend. Von den anderen Fächern, Galenik und Arzneimittelkunde, waren Steffi und ich sehr beeindruckt, auch von der fachlichen Qualität des Unterrichts.

Getoppt wurde diese Erfahrung noch im Labor: ein sorgfältiges, selbstständiges, schnelles Arbeiten auf höchstem Niveau unter fachkundiger Anleitung des Laborleiters Emmanuel. Ein Traum für jeden Lehrer, solche Schüler erleben zu dürfen! Und ihre Freude nach vollendeter Arbeit! 6 Stunden Höchstleistung ohne Pause. Die einzige mit Schwächeanzeichen waren ich und eine Schülerin, die mit einem Malariaschub mitgearbeitet hat.

Schulbeginn und –ende sind ein Erlebnis: manche Schüler müssen kilometerlange Fußwege über staubige Hauptverkehrsstraßen mit dem Überlebensrecht des Stärkeren zurücklegen. Sara, die Klassensprecherin der 3. PTA-Klasse, ist pro Strecke mehr als eine Stunde unterwegs, sie muss im Dunklen zu Hause los. Die Grundschulkinder werden zum Teil von älteren Geschwistern mit dem Fahrrad abgeholt. Meistens zwei kleine auf dem Gepäckträger hintereinander, mit einem am Sattel festgebundenen Ast als „Kindersicherung“.

 

Die Schüler der PTA-Schule bei der konzentrierten Laborarbeit. © AoG

AoG-Einsatzkraft Monika Zimmer im Gespräch über die benötigten Chemikalien für das Labor in der PTA-Schule. ©Burundikids e.V.

Eine Chance für die Zukunft

Für die Schüler ist diese Ausbildung die einzige Chance, dem alltäglichen Elend zu entkommen. Die Schule kostet Schulgeld, das zum Teil über Stipendien – fünf davon von Apotheker ohne Grenzen auch von AoG – finanziert wird. Das alles verleiht der schulischen Ausbildung einen ungeheuren Stellenwert und eine Wichtigkeit, die ich bei meinen Schülern noch nie gesehen habe.

Diese Schule wird von der Fondation Stamm und burundikids e.V. finanziert und gilt als eine der Besten des Landes. Die Lehrer werden regelmäßig bezahlt – ca. 200 Euro im Monat – eine absolute Ausnahme in Burundi. Damit können auch gute Fachkräfte gehalten werden, die sonst ins Ausland abwandern würden.

AoG-Einsatzkraft Monika Zimmer und Laborleiter Emmanuel Ndayikengurukiye versuchen gemeinsam eine Lösung für jedes Problem zu finden. ©Burundikids e.V.

Projektkoordinatorin Stefanie Pügge und Einsatzkraft Monika Zimmer erhalten von Laborleiter Emmanuel Ndayikengurukiye eine Einführung in die Laborgerätschaften in der PTA-Schule. ©Burundikids e.V.

Unterstützung ist notwendig – es mangelt an allen Ecken und Enden

Dennoch mangelt es an allen Ecken und Enden: die Wasserversorgung fällt immer wieder aus. Es soll ein Wasserreservoir gebaut werden, das Geld fehlt. Die Laborausstattung an Geräten ist gut und solide, aber es gibt keine Rohstoffe. Weder in Burundi, noch im Nachbarland Ruanda gibt es eine Möglichkeit, Chemikalien und Ausgangsstoffe zu erwerben. Geübt wird mit Präparaten von 2012 oder sogar schon längerem Verfallsdatum. Salbengrundlagen gibt es überhaupt keine mehr und auch keinen Kühlschrank für die Lagerung von Arzneimitteln. Längst verfallene Leerkapseln zerbröseln beim Bearbeiten. Es gibt keinen pharmazeutischen Hersteller in Burundi, alle Arzneimittel müssen importiert werden, größtenteils aus China, die Fälschungsrate ist hoch. Es gibt keinerlei nationale Qualitätskontrolle.

Das Auswärtige Amt hatte nicht ganz Unrecht mit seinen Warnungen: die Fondation Stamm trieb einigen Aufwand für unsere Sicherheit. Nach Einbruch der Dunkelheit, ab 18 Uhr, hatten wir zusätzlich zum Fahrer immer einen Soldaten im Auto, der uns durch die häufigen Polizeikontrollen geschleust hat. In Burundi ist die Polizei nicht unbedingt Dein Freund und Helfer.

In meiner zweiten Woche war ich alleine, Steffi war weiter zu einem Projekt in Tansania geflogen. Ich war der einzige Gast im Hotel, die einzige Weiße weit und breit. Außer den 600m Fußweg zur Schule und einem kurzen Strandspaziergang am wunderbaren Tanganjikasee habe ich mich nie ohne Begleitung bewegen dürfen.

 

Die Menschen in Burundi

Den Fußweg habe ich lieben gelernt: alle kannten „Mzungu“ auf ihrem täglichen Weg. Der Steineklopfer am Straßenrand, die Händlerin, die fünf Mangos zu verkaufen hatte. Die Radfahrer, die von fünf Bananenstauden über sieben volle Colakisten bis zur Badewanne alles auf ihrem Gepäckträger transportierten. Selbst sogar mal einen ca. 1,5 m langen Fisch, dessen Schwanzflosse über den Boden schleifte.

Auch die Menschen habe ich lieben gelernt: freundliche, unaufdringliche Menschen. Ein Winken, ein fröhliches „ça va?“ – wie geht’s -, ein Händedruck, nah, zugewandt, aber nie übergriffig.

Die Verabschiedung von der Schule, den Lehrern und Schülern und dem Hausmeister mit ihrer verbindlichen Herzlichkeit, hat mich zu Tränen gerührt. Die Verabschiedung der Mitarbeiter der Fondation Stamm und burundikids e.V., die ich als charismatische, enthusiastische und mitreißende Menschen kennengelernt habe, war ein klares „Auf Wiedersehen“, nichts Endgültiges.

 

Fazit

Noch während meiner Anwesenheit traf die Zusage von Apotheker ohne Grenzen ein, die Schule finanziell und inhaltlich in den nächsten Jahren zu unterstützen. Das war eine Freude beim gemeinsamen Abendessen mit Verena Stamm und den Mitarbeitern der burundikids. – Wie belebend diese Treffen und die sprühende Energie, etwas gemeinsam zu gestalten!

Zu meiner eigenen Überraschung habe ich dieses belebende Gefühl mit nach Hause bringen können: ich habe meinen Schülerinnen von ihren afrikanischen „Kolleginnen“ berichtet, über den Stellenwert, den Schulbildung in einem anderen Kontext haben kann. Ich erzähle meinen Kunden – denen, die es hören wollen und das sind viele! – von meinen Erfahrungen und löse einiges Nachdenken aus. Ich sehe viel großzügiger über nervige Kleinigkeiten hinweg, nachdem ich erlebt habe, was wirkliche Probleme sind.

Ich freue mich darauf, mit der Schule in Burundi in Kontakt zu bleiben – auch durch einen erneuten Besuch -, die Ausbildung durch finanzielle-, Sachspenden und fachliche Begleitung unterstützen zu können.

Ich habe erlebt, wie in einem extrem schwierigen Umfeld, politisch sowie ökonomisch, mit sehr geringen finanziellen Mitteln (alles ist aus Spenden finanziert!), durch außergewöhnlichen persönlichen Einsatz und Ausdauer und Konzentration auf das „Nötige“, nachhaltig funktionierende Inseln in einem zerrütteten Land geschaffen werden. Das „Nötige“ war zum Beispiel, dass in einem Heim für ledige Mütter (verstoßene Vergewaltigungsopfer von 14-19 Jahren) die Wände nicht verputzt oder gestrichen waren – aber alle Kinder passende Schuhe hatten.

Kinderlachen in der Pause. © Burundikids e.V.