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Buenos Aires – Argentinien

Das süße Mädchen und der faule Zahn - Protokoll von Dr. Carina Vetye

Bei ihren Rundgängen im Slum entdeckt Dr. Vetye stets neue zukünftige Patienten

 

Ich weiß nicht, ob Sie das auch kennen? Auf meinem Weg zur Arbeit in die Slum-Apotheke in Buenos Aires der Apotheker ohne Grenzen Deutschland (AoG) komme ich oft ins Grübeln: Wie viele hundert Male bin ich diesen Weg schon gegangen? Wie oft in Sorge, ob angesichts der Umstände hier – Inflation und Arbeitslosigkeit, die unschuldige Menschen in die Armut treiben – wir die Apotheke für die ärmsten Kranken noch halten können? Ob wir genug finanzielle Mittel haben, die benötigten Medikamente zu kaufen? Was, wenn nicht? Was passiert dann mit den Menschen? Doch wenn ich den Eingang des Gesundheitszentrums von fern erkenne, freue ich mich auf die Patienten und die Arbeit und die bedrückenden Gedanken verschwinden erstmal wieder.

Buenos Aires,  Villa Zagala, Slum, Gesundheitszentrum, Apotheker ohne Grenzen

Elisa traut sich nicht zu lächeln; sie schämt sich ob ihrer schlechten Zähne

 

Im Wartezimmer treffe ich auf Elisa, eine aufgeweckte Fünfjährige. Ihre Eltern sind sogenannte  Cartoneros. So romantisch sich der Begriff anhört, so wenig hat er mit Romantik zu tun. Cartoneros suchen im Abfall nach noch verkaufbaren Dingen. Ein sehr hartes Los. Ramón, Elisas Vater, geht morgens schon sehr früh los. Der Weg zur öffentlichen Müllhalde ist weit. Sein kleiner Pferdewagen ist alles, was er hat. Er passt sehr darauf auf, denn früher hat er alles per Handkarren durch die Gegend gezogen. Ich habe mich über sein Lauftempo gewundert: Er lief – trotz der enorm schweren Last – schneller als ich. Nun zieht er jeden Tag mit dem Pferdchen los, ist ständig auf der Suche nach Metall, Papier, Plastik, Pappe oder Glas.

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Das Gespann ist Ramón und Enriques ganzer Stolz

 

Man muss die Preise kennen, was der Wiederaufkäufer gerade wofür zahlt und dann versuchen genau das zu sammeln. Täglich stundenlang in diesem unfassbaren Gestank und Dreck zu wühlen, ist nicht gesund. Und wenn ich täglich sage, meine ich täglich. Ramón kennt keine Wochenenden. Auch samstags und sonntags zieht er los. Jeden Tag muss er dann das gesammelte Material noch sortieren und es schnell zum Zwischenhändler bringen, sonst hat seine Familie nichts zu essen. Und er hat keine Wahl: Ganz ohne Ausbildung kann er damit wenigstens seine Familie einigermaßen durchbringen. Seine Schulbildung hat die wirtschaftliche Krise von 2001 vermasselt. Damals brach er in der 4. Klasse ab, um seinem Vater zu helfen … beim Müllrecycling.

Elisa ist über den Kindergarten in unser Zahnprophylaxe-Programm gekommen. Ich habe die Kleine vor fast zwei Jahren im Viertel kennengelernt. Sie traute sich nicht zu lächeln. Auf vorsichtige Nachfrage offenbarte mir sie den Grund. Sie hat ganz braune Milchzähne und schämt sich deswegen. Wir haben mit der Mutter gesprochen und mit ihrer Kindergärtnerin, damit die Kleine dort aufgenommen wird. So kam Elisa in unser Zahnprophylaxe-Programm, das mittlerweile schon seit 2008 läuft. Warum ich mich als Apothekerin um Zähne kümmere? Nun, die Problematik – Kleinkinder mit nahezu zerstörten Milchzähnen – ist im Slum weit verbreitet.

Dr. Vetye und die Zahnärztin Laura Cabrera bringen den Kindern das Zähneputzen bei

 

Die erste Bestandsaufnahme in einem der Kindergärten zeigte uns vor 10 Jahre wie sehr die Kinder betroffen sind: 108 vier- oder fünfjährige Kinder hatten damals insgesamt 655 Karies! Die Hälfte der Kleinsten wies schon acht oder mehr kaputte Zähne auf. Mit all dem, was das für sie bedeutet: Schmerzen und noch mehr Schmerzen, Infektionen, Fehltage, nichts essen können vor lauter Zahnweh. Da kann ich nicht nur Medikamente abgeben, da musste ich mehr tun!

Mittlerweile nimmt Elisa Zahnhygiene sehr ernst: Sie hat gesehen, dass bei den größeren Kindern neue Zähne kommen und jetzt sollen ihre nächsten weiß, schön und gesund bleiben.

Warum die Kinder so schlechte Zähne haben? Das hat mehrere Gründe: Ihre Eltern haben häufig nur wenige Jahre Schulbildung und im argentinischen System gehört Hygiene und Ernährung nicht zum Stundenplan. Zahnärzte sind für die Armen finanziell unerreichbar und sie ziehen meistens nur die Zähne. Die Eltern wissen und erfahren daher nichts vom Zähneputzen. Auch ist die ungesunde Ernährung extrem kariesfördernd. Die Armen können sich aber nur das billigste Essen leisten und das ist extrem süß. Ich kenne Kinder, die mit süßen Teilchen und Zuckerlimonade ernährt werden. Wir haben vor einiger Zeit unter den 8-12jährigen Kindern eine Umfrage gemacht: Was esst ihr den ganzen Tag? Das Ergebnis stimmte mich sehr traurig: In der Hauptsache Süßes und Fettes, falls überhaupt. Wir hatten sogar Kinder dabei, die den ganzen Tag außer in der Schule gar nichts zu essen bekommen. Tiago, 10 Jahre, war ein solcher Kandidat: Frühstück – nichts, Mittagessen – Nudeln mit Tomatensoße (das Schulessen), Abendessen – nichts. Deshalb bieten wir seit einiger Zeit Schulungen für die Mütter an: Gesunde Ernährung auch mit wenig Geld. Doch dazu brauchen wir viel Geduld. Doch erste Ergebnisse, wenn die Kinder zur jährlichen Untersuchung kommen und ich sehe, dass es ihnen besser geht, motivieren uns enorm.

Das Zahnprophylaxe-Programm der AoG in Kindergärten trägt bereits Früchte: Die Zähnchen der Kleinen sind blendend weiß und sauber!

 

 

Zu nah am Gehirn

Manuela, Elisas Mutter, sagt mir, dass sie wegen Elisas etwas älterem Bruder Enrique hier sind, der apathisch neben ihr sitzt: Er hat wahnsinnige Zahnschmerzen! Für ihn wird schnell ein Antibiotikum benötigt, das in der AoG-Apotheke auch vorrätig ist, denn Enrique hat einen üblen Kieferabszess – sehr nah am Gehirn, gefährlich. Nur dank AoG sind ausreichend Arzneimittel und Ärzte da. Auf Rezept gebe ich der Mutter das Antibiotikum und ein Schmerzmittel. Vor der Zahnbehandlung muss erstmal Enriques Zustand besser werden. Morgen hat er dann einen Termin bei der Zahnärztin. In Kürze kann er wieder in die Schule gehen. Gut, dass wir da sind! Seine Eltern unternehmen alles nur Menschenmögliche, damit ihre Kinder später eine bessere Arbeit finden, da sollten wir sie nicht im Stich lassen! Und Enrique dürfte daraus gelernt haben: Ich bin mir sicher, dass er in Zukunft seine Zähne besser putzen wird.

Romina braucht dringend die Medikamente der Apotheker ohne Grenzen

 

Als nächstes schiebt sich quietschend der alte Rollstuhl von Romina, 42 Jahre, vor mein vergittertes Ausgabefenster. Romina ist Diabetikerin Typ II. Die Diagnose bekam sie mit 28, ihr Blutzucker dürfte schon sehr lange zu hoch gewesen sein. Da sie wusste, dass städtische Gesundheitszentren in Slums die benötigten Medikamente so gut wie nie haben, fing sie gar nicht erst mit der Therapie an. Für die Armen gibt es ja nichts, dachte sie, wie die meisten Menschen der Slums. Und selbst bezahlen – wovon? Kürzlich erst hat sie erfahren, dass wir alle notwendigen Medikamente – dank AoG! – immer vorrätig haben, jetzt kommt sie regelmäßig. Nur leider Jahre zu spät für ihren Fuß: Zwei Zehen mussten vor kurzem amputiert werden, doch die Infektion konnte noch nicht gestoppt werden. In der AoG-Apotheke bekommt sie nun zuverlässig ihr Insulin und weitere Arzneimittel, insbesondere das für sie lebenswichtige Antibiotikum – damit sie nicht auch noch ihren Fuß verliert. Ich schaue in das traurige Gesicht dieser Frau und wünsche, dass wir noch lange die Mittel haben, um für diese Menschen da zu sein, damit sie ihre Behandlungen immer rechtzeitig bekommen. Es ist so ungerecht.

Der Zustand des argentinischen Gesundheitssystems ist eine Katastrophe. Doch leider keine, die schnell wieder vorbei ist. Zeitweise fehlt die Hälfte der essentiellen Arzneimittel, arme Patienten werden in städtischen Gesundheitszentren abgewimmelt, auch weil kein Personal da ist. Romina hätte das fast mit dem Leben bezahlt, sie war einer Blutvergiftung nahe. Auch für Enrique hätte es gefährlich werden können. Hier zählt der lange Atem und der Wille zur Hilfe für diese unschuldigen, armen Kranken. Mit den Spenden von AoG werden Gesundheitsmitarbeiter und Arzneimittel finanziert. Vertrauensvoll wenden sich die Menschen an uns. Ich bzw. AoG möchte für sie da sein.

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