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Auftakt zum neuen AoG-Projekt in Bangladesch

Ein Interview mit unseren Einsatzkräften

Im Februar waren die zweite Vorsitzende von Apotheker ohne Grenzen, Dr. Petra Lange, und unser Pharmazeut im Praktikum, Dominik Walther, für 10 Tage in Bangladesch in den Flüchtlingslagern der Rohingya, um sich einen Überblick über die Lage der Geflüchteten zu machen. Seit letztem Jahr unterstützt AoG dort ein Hilfsprojekt der maltesischen Hilfsorganisation MOAS (Migrant Offshore Aid Station). Zum ersten Mal waren AoG Einsatzkräfte selber vor Ort, verschafften sich einen Überblick über die zukünftigen Aufgaben von AoG im Flüchtlingslager und kamen mit vielen Eindrücken zurück.

AoG: Petra und Dominik, Ihr beide habt eine, wie ich vermute, aufregende Projektreise für AoG nach Bangladesch hinter euch. Wie verliefen eure An- und Abreise?

Dr. Petra Lange: Abgesehen von der relativ langen Reisedauer von jeweils etwa 24 Stunden verlief die An- und Abreise entspannt. Dominik und ich haben uns in Doha getroffen und sind zusammen über Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, nach Cox`s Bazar geflogen. Am Flughafen wurden wir dann von MOAS in Empfang genommen. Die Abreise verlief ebenfalls unkompliziert, jedoch erneut sehr zeitaufwändig.

AoG: Dominik, für dich war es der erste Auslandseinsatz für AoG. Wie liefen die Vorbereitungen? Hast du dir vorher einige zusätzliche Impfungen geben lassen?

Dominik Walther: Der Anfang des Jahres stand bei mir ganz im Zeichen der Vorbereitungen. In meinem Fall war es natürlich praktisch, dass das Planen von Auslandseinsätzen unserer Mitglieder als Pharmazeut im Praktikum ein Teil meiner Tätigkeiten im AoG-Büro ist. Daher hatte ich in diesem Bereich bereits ausreichend Erfahrung gesammelt. Ich war noch einige Male im Outdoorladen und bei der Impfstelle kennen Sie mich jetzt persönlich.

AoG: Petra, du bist hinsichtlich der Nothilfe eine der erfahrensten AoG-Einsatzkräfte, warst unter anderem 2015 nach dem Erdbeben in Nepal, 2013 nach dem Wirbelsturm auf den Philippinen und 2010 auf Haiti. Was „reizt“ dich an diesen Einsätzen?

Dr. Petra Lange: Ich weiß nicht so ganz, ob „reizen“ das richtige Wort ist. Es ist eine Kombination aus Vielem: zum einen weiß man nie genau, was einen erwartet, das macht es bis zu einem gewissen Punkt spannend, zum anderen kann man ganz unmittelbar helfen. Auch die Menschen mit ihren unterschiedlichen Kulturen, die man kennenlernt, spielen eine Rolle. Darüber hinaus habe ich in den verschiedenen Hilfsorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, immer wieder faszinierende, Menschen getroffen, die idealistisch das gemeinsame Ziel verfolgen, den Menschen ein Leben in Würde und Gesundheit zu ermöglichen.

AoG: Dominik, du bist aktuell PhiP in unserer Geschäftsstelle, inwieweit konntest du von Petras Erfahrungen profitieren?

Dominik Walther: Bei meinem ersten Einsatz mit einer so erfahrenen Einsatzkraft wie Petra reisen zu können, war für mich natürlich großes Glück. Das hat mir ein Stück Gelassenheit gegeben und ich konnte mir viel abgucken.

AoG: Ihr wart in einem Flüchtlingslager der aus Myanmar geflohenen Rohingya in Cox´s Bazar in Bangladesch. Wie können wir uns das Leben in einem solchen Lager vorstellen?

Dr. Petra Lange: Das Leben im Lager ist geprägt vom Überleben. Die Menschen haben leider keine großen Optionen. Ein kleiner Teil arbeitet als Tagelöhner, aber der größte Teil hat keine große Möglichkeit viel zu tun. Darüber hinaus sind die Menschen stets darauf aus, täglich ihr Überleben zu organisieren: an den vorhandenen Brunnen wird Trinkwasser geschöpft, bei der Essensausgabestelle wird zweimal wöchentlich stundenlang für Reis, Öl und Linsen angestanden, außerhalb des Camps organisiert man sich Feuerholz, wenn man erkrankt ist, geht man zu den kleinen Gesundheitsstationen, die es im Camp gibt. Ansonsten gibt es viele spielende Kinder, die sich mit allem beschäftigen, was sie finden – Spielen mit Spielsachen, so wie wir es in Deutschland kennen, gibt es dort natürlich nicht.

AoG: Und was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung hinsichtlich der Organisation und Verwaltung eines solchen Flüchtlingslagers?

Dr. Petra Lange: Es kommt auf das Flüchtlingslager an. Man hat teilweise Lager mit 10.000 – 135.000 Flüchtlingen, aber auch das „Megacamp“ (Kutupalong) mit über 600.000 Flüchtlingen. Je kleiner das Camp, umso leichter ist die Organisation. Vor allem in Kutupalong ist es wichtig, den Überblick zu behalten. Daher ist das Flüchtlingslager in Blöcke unterteilt, um sicher zu stellen, dass die Menschen mit der ihnen zugedachten Unterstützung in Form von Lebensmitteln oder medizinischer Hilfe versorgt werden. Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass bisher nicht so viele Hilfsorganisationen vor Ort sind, so dass es permanent eine große Herausforderung ist, Hilfe für alle zur Verfügung zu stellen.

AoG: Dominik, wie habt ihr die Bewohner des Lagers erlebt, hattet ihr persönlichen Kontakt?

Dominik Walther: Ein persönlicher Austausch gestaltete sich aufgrund der Sprache tatsächlich schwierig. Die meiste Zeit haben wir in den beiden Gesundheitsstationen unserer Partnerorganisation MOAS gearbeitet, da hat man natürlich die Erkrankungen und das Leid mitbekommen. Auf kurzen Spaziergängen durch die Camps konnte man sehen, unter welchen Umständen die Menschen leben und was sie in den letzten Monaten durchgemacht haben müssen. Aber kommt dann ein Lächeln oder Winken zurück, sagt das mehr als tausend Worte.

Die kleinen Campbewohner freuen sich über AoG-Buttons. © MOAS/Dale Gillett

AoG: Petra, für unseren Verein ist die Unterstützung eines so großen Flüchtlingsprojektes eine große Herausforderung. AoG unterstützt ja bereits eine Klinik im türkisch-syrischen Grenzgebiet, die sich überwiegend um Flüchtlinge kümmert und die du in den vergangenen Jahren mehrfach besucht hast. Wo siehst du Parallelen und was waren die größten Unterschiede?

Dr. Petra Lange: Ein großer Unterschied beider Projekte ist sicherlich, dass in Bangladesch die Flüchtlinge im Camp leben und dort versorgt werden und wir in Antakya, an der türkisch-syrischen Grenze, eine Klinik unterstützen, die Flüchtlinge behandelt, die irgendwo in der Stadt verstreut wohnen, sei es bei Freunden, Verwandten, in angemieteten Wohnungen oder sonst wo. Das Arbeiten in den Camps in Bangladesch ist daher noch direkter. Eine Parallele ist die Traumatisierung der Flüchtlinge. Viele sind traumatisiert und haben unterschiedlichste Gewalterfahrungen hinter sich. Darüber hinaus zählen in beiden Hilfsprojekten vor allem Kinder und Frauen zu den Patienten. Beiden Projekten ist leider die vermeintliche Hilflosigkeit gemein und kein Ausblick auf Besserung, da beide Krisen noch lange andauern werden.

AoG: Du sprichst von vermeintlicher Hilflosigkeit. Kannst du uns etwas über die Aufgabe von AoG im neuen Projekt in Bangladesch sagen?

Dr. Petra Lange: Apotheker ohne Grenzen wird in dem neuen Projekt die Arbeit von MOAS unterstützen. MOAS betreibt in den Flüchtlingslagern Shamlapur (ca. 10.000 Menschen) und Unchiprang (ca. 21.000 Menschen) jeweils ein Gesundheitszentrum, in denen mit Hilfe von insgesamt 8 einheimischen Ärzten, 4 Krankenschwestern, 2 Apothekern und 2 Apothekenhelfern pro Tag etwa 400 Patienten versorgt werden. Dabei unterstützt AoG zum einen die Arzneimitteleinkäufe hinsichtlich Auswahl der Arzneimittel und Kostenübernahme, zum anderen werden die Ärzte und das Apothekenpersonal in den Gebieten Lagerhaltung, Abgabe der Arzneimittel und weiterer pharmazeutischer Tätigkeiten geschult. Bei unserem ersten Besuch haben wir die vorhandenen Arzneimittel sortiert, inventarisiert und Regale für auf den Boden gelagerte Kartons bauen lassen. Darüber hinaus haben wir erste kleine Schulungen durchgeführt. Die Ärzte wurden beispielsweise sensibilisiert, sich an der “Essential Drug List“ der WHO zu orientieren, oder das Apothekenpersonal wurde über die korrekte Menge Wasser bei der Einnahme von oraler Rehydratationslösung aufgeklärt. Ferner wurden stichprobenartig Arzneimittel mit nach Deutschland genommen, um vom Deutschen Zentrallabor ihre Qualität überprüfen zu lassen.

Dr. Petra Lange im Austausch mit den Apothekenmitarbeitern der MOAS-Gesundheitsstation in Unchiprang.

Dominik Walther bei der Arzneimittelabgabe in Shamlapur.

AoG: Eine sehr umfassende Unterstützung, die direkt bei den Menschen ankommt und ihnen ein Stück weit Hoffnung zurückgibt.

Dr. Petra Lange: Ja, das hoffen wir!

AoG: Dominik, in Bangladesch steht die Monsunzeit kurz bevor. Wie bereiten sich die Bewohner aber auch die Verwaltung des Flüchtlingslagers darauf vor?

Dominik Walther: Es werden Sandsäcke gestapelt und Gräben gezogen, manche Gesundheitsstationen müssen umgesiedelt werden. Die Essensausgabe wird auf hochkalorische Kekse umgestellt, falls die Geflüchteten anderweitig nicht mehr versorgt werden können. Da das Gelände sehr hügelig und kahlgeschlagen ist, ist der Untergrund instabil und bei den zu erwartenden Regenmassen ist davon auszugehen, dass viele Hänge abrutschen werden. Die Not vor Ort ist enorm und man will sie sich schon gar nicht in der Monsunzeit vorstellen.

AoG: Was hat dich bei deinem ersten Auslandseinsatz am meisten beeindruckt und kannst du anderen Menschen empfehlen, sich für eine gemeinnützige Hilfsorganisation wie Apotheker ohne Grenzen zu engagieren?

Dominik Walther: Der Blick im „Megacamp“ Kutupalong, dem größten Flüchtlingscamp der Welt, wird mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. In jede Himmelsrichtung notdürftige Hütten aus ein paar Bambusstangen und Planen, soweit das Auge reicht. Diese Erfahrung und das Gefühl unmittelbar helfen zu können, motiviert mich, mich noch stärker zu engagieren – denn die Hilfe wird dringend benötigt.

Der Blick über das weltgrößte Flüchtlingscamp Kutupalong.

AoG: Liebe Petra, lieber Dominik, wir danken euch für eure Eindrücke aus dem Flüchtlingslager der Rohingya in Bangladesch und hoffen, dass das AoG-Projekt weiterhin erfolgreich verlaufen wird und wir viele Menschen auf dem Weg in eine gesündere Zukunft begleiten dürfen.

Ein Gruppenbild zum Abschied.

AoG wird künftig MOAS bei der Arzneimittelbeschaffung unterstützen und mit pharmazeutischer Kompetenz zur Seite stehen.

Wollen auch Sie das neue Projekt unterstützen? Wir freuen uns über Ihre Spende.