Argentinien /

STAND / Dezember 2022

Arbeiten, während einem der Boden unter den Füssen wegrutscht

Im Laufe des Jahres 2022 ist die Armut in Argentinien wieder angestiegen. Es gab Preissteigerungen von bis zu 150 Prozent bei Lebensmitteln und von bis zu 100 Prozent bei Medikamenten. Wohnungsmieten wurden von einem Jahr auf das nächste um 70 bis 80 Prozent erhöht. Bei solchen Inflationswerten reicht es nicht, selbst wenn man zwei oder drei Jobs hat. Die Verzweiflung der Menschen in den Armenvierteln wird immer größer.

Die Arbeit der AoG-Apotheke war umso wichtiger! Auch in diesem Jahr wurden wieder mehr Patienten mit chronischen Krankheiten versorgt. Menschen, die Monat für Monat zuverlässig ihre verschriebenen Medikamente benötigen und wissen, dass sie sie hier in der AoG-Apotheke auch erhalten. Hinzu kommen mehr Patient*innen mit akuten Gesundheitsproblemen und immer mehr kleine Patient*innen: die Anzahl der Minderjährigen ist in zwölf Monaten um fast 20 Prozent gestiegen!

Wer nur informelle Jobs bekommt, wie Putzen, Straßenverkauf, Hilfsarbeiten im Garten oder Müllrecycling, hat keine Krankenversicherung. Die kleinen Einkommen dieser Menschen reichen kaum für Essen und Miete, geschweige denn für dringend benötigte Arzneimittel. Wer zu hohen Blutdruck und zu hohen Blutzucker hat – was schnell passieren kann, wenn man von billigeren Lebensmitteln wie Nudeln, Brot, Keksen und süßen Getränken leben muss -, kann sich dann noch nicht einmal seine Medikamente leisten. Es ist ein ständiger Teufelskreislauf. Die Behandlung von Krampfanfällen kann z.B. so viel kosten, wie ein einfacher Arbeiter im Monat verdient. Ohne die Unterstützung und Hilfe in der AoG-Apotheke wäre dies nicht zu stemmen.

Wir haben es wieder geschafft

zuverlässig da zu sein! Trotz der Preiserhöhungen konnten wir unsere Patienten mit ihren Medikamenten versorgen. Bei einer so hohen Inflation hat man aber keinen festen Boden unter den Füssen, es ist extrem belastend. Man hat das Gefühl, als würde man langsam aber ständig zum Abhang hin abrutschen.

Dr. Carina Vetye – AoG-Argentinienprojektkoordinatorin

Obwohl das Gesundheitspersonal stark belastet ist, konnte „Outdoor-Arbeit“ durchgeführt werden wie die Gesundheitskontrollen von Hunderten von Kindern in Kindergärten und Schulen. Auch die seit 15 Jahren laufende Zahnprophylaxe-Arbeit mit etwa 700 Kindern lief weiter.

Diese langfristig angesetzte Hilfe bringt konkrete Ergebnisse: Der Zahnstatus der Kinder ist wesentlich besser als in anderen Armenvierteln und mit dem Zugang zu Medikamenten bekommen die Menschen einige Lebensjahre geschenkt!

Für das Jahr 2023 werden erneut viele Schwierigkeiten erwartet, weil die Inflation weiter ansteigen soll. Die Arbeit für die Ärmsten wird daher nötiger denn je sein!

Argentinien /

STAND / Juni 2022

20 Jahre im Einsatz für Apotheker ohne Grenzen in Argentinien – Pharmazeutische Hilfe für Menschen in den Slums von Buenos Aires

Unsere Argentinien-Projektkoordinatorin, Dr. Carina Vetye, feiert 2022 ihr 20-jähriges „Hilfsjubiläum“ bei Apotheker ohne Grenzen. Lesen Sie hier in unserer aktuellen Pressemeldung über ihren Werdegang und wie sie all die Jahre vielen tausenden Menschen mit ihrem unermüdlichen Einsatz geholfen hat.

Oft habe ich mich gefragt, ob sich all die Mühen und Entbehrungen gelohnt haben. Mit großer Gewissheit und aus vollem Herzen kann ich diese Frage nur mit einem klaren „Ja!“ beantworten!“ berichtet Dr. Carina Vetye. „Zudem bin ich mir absolut sicher, dass unsere Patient*innen das gleich dreimal unterschreiben!“. Die promovierte, deutsch-argentinische Pharmazeutin und Schulungsleiterin von Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. (AoG) feiert gerade ihr 20-jähriges „Hilfsjubiläum“.

Vor zwei Jahrzehnten entschloss sie sich ihrem Heimatland, das ihrem Vater Schutz vor der Verfolgung in Europa und ihr eine kostenlose, gute Ausbildung gegeben hat, etwas zurückzugeben. Im Frühjahr 2002 – dem Beginn des argentinischen Winters – traf sie sich erstmals mit Mitarbeiter*innen eines Slum-Gesundheitszentrums in Buenos Aires, um ihre Hilfe und Kompetenz ehrenamtlich anzubieten. Schnell war klar, was am Dringendsten benötigt wurde: Regelmäßige Belieferung mit Arzneimitteln, die den Bewohner*innen des Elendsviertels entweder eine dauerhafte Therapie oder gar das Überleben (z.B. vorrätiges Insulin für Diabetiker) sichern sollten. Natürlich kostenlos, denn Geld für Krankheiten hatte hier niemand übrig und jeder krankheitsbedingte Ausfall gefährdete die minimalen Einnahmen der Tagelöhner*innen. Was damals bereits galt, ist leider auch heute noch die bittere Realität.

„Die Enge im Slum, die Gerüche, die Dunkelheit der oft fensterlosen Behausungen sind bedrückend, aber die Menschen sind so lieb und dankbar“, beschreibt Carina Vetye, die ihre Tätigkeit vor Ort zunächst ehrenamtlich und seit 2011 als hauptamtliche Argentinien-Projektkoordinatorin von AoG ausübt, die Situation. „Ich möchte den Kranken im Slum das geben, was sie brauchen: „Die richtigen Wirkstoffe in genau den exakten Mengen, zur richtigen Zeit – regelmäßig und kostenlos.“

In ihrer Funktion  als AoG-Projektkoordinatorin baute sie geduldig ein Gesundheitszentrum im Slum von Villa Zagala auf: fünf Ärztinnen, sieben ehrenamtliche Apotheker*innen, Community Health Worker und ein stets gefülltes, bedarfsorientiertes Medikamentenlager – eine zuverlässige Anlaufstelle für eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für 30.000 Slum-Bewohner*innen.

Die benötigte Summe an Spenden zusammen zu bekommen, um das Projekt fortführen zu können, ist Jahr für Jahr eine große Herausforderung. Das hat Carina Vetye schon viele schlaflose Nächte beschert. Dank vieler treuer Unterstützer*innen hat es bislang immer geklappt und die Dienstleistungen der Slum Apotheke konnten über die Jahre immer weiter ausgebaut werden. Gedankt haben ihr dies nicht nur die Slum-Bewohner*innen, sondern auch diverse Institutionen, die ihre leidenschaftliche Arbeit mit vielen Auszeichnungen honorierten. Zuletzt erhielt das Projekt 2018 den weltweit höchstdotierten Preis für medizinische Entwicklungszusammenarbeit der Else Kröner-Fresenius-Stiftung – und natürlich floss das Preisgeld in Höhe von 100.000 € komplett in die Unterstützung der AoG-Slum-Apotheke.