In den so genannten Entwicklungsländern haben 50 Prozent aller Menschen keinen Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln. Die Apotheker ohne Grenzen haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, weltweit Arznei- und Verbandmittel zur Verfügung zu stellen, wo immer sie benötigt werden.
In Deutschland sind alle Arzneimittel ohne Probleme verfügbar. Mehr noch: Es gibt sogar einen Überschuss an nicht benötigten Arzneimitteln. Tausende von Tonnen solcher Altarzneimittel landen Monat für Monat in deutschen Apotheken und werden entsorgt. Hinzu kommen überzählige Ärztemuster oder Überproduktionen der Industrie.
Was läge also näher, als diese überschüssigen Medikamente zu sammeln und bedürftigen Menschen auf der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen?
Mehrere Gründe sprechen gegen eine solches Medikamentenrecycling. Die Apotheker ohne Grenzen Deutschland lehnen deshalb das Sammeln von Altarzneimitteln prinzipiell ab. Und das sind unsere Argumente:
Der Bedarf in den Ländern in denen Not herrscht, ist ein ganz anderer als der in Deutschland. Es werden zum Beispiel Malariamedikamente und Mittel gegen Tuberkulose benötigt. In Deutschland gehören Medikamenten zur Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes mellitus zu den wichtigsten, für die aber in Notgebieten kein Bedarf besteht.
So kann es vorkommen, dass 50 Prozent der gespendeten Arzneimittel nicht dem Bedarf entsprechen und aufwändig entsorgt werden müssen. Das frühere Jugoslawien wurde reichlich mit Arzneimittelspenden bedacht. Von den 1994 ins Land geschickten Medikamenten waren aber 15 Prozent überhaupt nicht zu gebrauchen und 30 Prozent entsprachen nicht dem dortigen Bedarf. Bis Ende 1995 hatten sich allein in Mostar 340 Tonnen unbrauchbare und verfallene Arzneimittel angesammelt. Die meisten davon stammten aus Deutschland und Italien. Die Folge war ein riesiges Entsorgungsproblem.
Arzneimittel müssen in einer Sprache beschriftet sein, die dem Gesundheitspersonal im Empfängerland geläufig ist. Hierzu gehört vor allem auch der internationale Freiname. Die Handelsnamen sind irreführend, da sie nur im Herstellerland gängig sind.
Eine Vielzahl von verschiedenen Stärken eines Arzneistoffes, wie sie bei einer Sammlung von Arzneimitteln auftreten, stiften Verwirrung beim lokalen Personal in Gesundheitsstationen, da eine Umrechnung in die im Land gängigen Stärken kaum durchgeführt werden kann.
Ein Wirkstoff sollte als möglichst in einer Stärke und Darreichungsform gespendet werden. Suppositorien (Zäpfchen) sind zum Beispiel in vielen Ländern unbekannt und wegen der klimatischen Verhältnisse oft auch vollkommen ungeeignet.
Die Mindesthaltbarkeit muss ein Jahr betragen. Das Sortieren einer Spende oder auch in einer Apotheke im Empfängerland nach Haltbarkeit ist zeitaufwändig und das Vernichten der verfallenen Ware ebenso.
Die Qualität der Ware muss gewährleistet sein. Die Arzneimittel müssen aus einer zuverlässigen Quelle stammen und allen Qualitätsanforderungen entsprechen. Bei einer gesammelten Spende ist die Qualität nicht gesichert
Das Sammeln, Sortieren und auch das Vernichten von Altarzneimitteln führt zu einem hohen personellen und damit auch finanziellen Aufwand. Der Kauf von Arzneimitteln in Großpackungen (sogenannter Bulkware) ist im Vergleich dazu wesentlich günstiger.
Die Bedürfnisse des Empfängerlandes müssen bekannt sein und auch berücksichtigt werden. So traf beim Einsatz der Apotheker ohne Grenzen Deutschland in Indien unser Mitarbeiter vor Ort auf eine größere Spende von Säuglingsnahrung unbekannter Herkunft. Diese gutgemeinte Spende kann aber dazu führen, das die Mütter das Stillen Ihrer Säuglinge einstellen und nach Aufbrauchen der Vorräte ohne Nahrung für ihre Kinder sind.
Kombinationsmittel wie zum Beispiel Grippetabletten sind unabhängig von jeglicher pharmakologischer Bewertung als Spende ungeeignet. Die richtige Anwendung ist hier allein aus sprachlichen Gründen sehr fraglich.
Es ergeben sich also eine Vielzahl von Problemen mit Arzneimittelsammlungen. Aber natürlich heißt das Ganze nicht, dass wir auf Arzneimittelspenden verzichten müssen. Man sollte nur richtig spenden, denn es gibt Lösungen für diese Probleme:
Es gibt seit 1977 eine WHO-Liste "Unentbehrlicher Arzneimittel", aus der die gewünschten Arzneimittel ausgewählt werden können. Sie enthält etwa 300 Wirkstoffe mit 450 Darreichungsformen und reicht aus, um 90 Prozent der durch Arzneimittel zu beeinflussenden Krankheiten zu behandeln. So sind in dieser Liste nur sechs Analgetika inklusive der Opioide aufgeführt. Angelehnt an diese Liste werden von Gesundheitsfachleuten in vielen Ländern entsprechende nationale Arzneimittellisten erstellt.
Der Einsatz von Großpackungen beziehungsweise Bulkware ist sehr preisgünstig und die Qualität ist von den Anbietern geprüft und garantiert. 1000 Tabletten Paracetamol à 500 mg kosten nur etwa 11 Euro.
In vielen Ländern gibt es eine gute Arzneimittelherstellung. Nach Möglichkeit sollten Arzneimittel im Empfängerland erworben werden. Dies ist meistens nicht nur preisgünstiger, sondern stärkt auch die Wirtschaft im Land.
Bei Notfalleinsätzen haben sich sogenannte Emergency Health Kits bewährt. Solch ein Notfallsortiment aller wichtigen Arzneimittel für Katastropheneinsätze ist bereits fertig verpackt und preisgünstig. Bei verschiedenen Einsätzen der Apotheker ohne Grenzen Deutschland kommen solche Emergency Health Kits zum Einsatz. Weltweit sind Mediziner mit den Kits vertraut. Mit einem Kit können bis zu 1000 Menschen über 3 Wochen medizinisch mit dem Nötigsten versorgt werden.
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